Pädagogik

Von der Stuttgarter Arbeiterschule zur internationalen Schulbewegung: Die Realisierung einer pädagogischen Idee

Waldorfschulen gehen auf den österreichischen Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) zurück. Die erste Schule wurde 1919 in Stuttgart, Deutschland, für die Kinder der Arbeiter und Arbeiterinnen der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik gegründet. Unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht, Begabung, und späterem Beruf bot die neue Schule jungen Menschen eine gemeinsame Bildung an. Als erste Gesamtschule ersetzte die Waldorfschule das mit dem vertikalen Schulsystem verbundene Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung.

Die in der Habsburgergasse im 1. Wiener Gemeindebezirk beheimatete erste österreichische Waldorfschule bestand nur wenige Jahre. Der Einmarsch der Nationalsozialisten und der „Anschluss“ Österreichs beendete die Geschichte der ersten österreichischen Waldorfschule, deren Tätigkeit 1938 von den neuen Machthabern verboten wurde. Anders als in Deutschland dauerte es in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg über zwanzig Jahre bis zur Gründung einer neuen Waldorfschulinitiative. Zunächst im Erdgeschoß einer öffentlichen Volkschule und ab 1968 im Maurer Schlössl entstand schließlich eine neue Rudolf Steiner-Schule. Ab Ende der 70er Jahren entstanden weitere Schulen und Kindergärten, u.a. in Linz, Klagenfurt, Graz, Salzburg und Innsbruck. 1972 wurde in Wien die erste heilpädagogische Waldorfschule eröffnet. Inzwischen gibt es in allen österreichischen Bundesländern Waldorf- bzw. Rudolf Steiner-Schulen. Derzeit besuchen rund 2.700 Schülerinnen und Schüler eine der derzeit 18 Waldorfschulen in Österreich. Weltweit gibt es mehr als 1.000 Waldorfschulen und rund 2.000 Waldorfkindergärten. Waldorfschulen sind auf allen Kontinenten zu finden.

Waldorfschulen bemühen sich um eine vielfältige und individuelle Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Künstlerisch-handwerklicher Tätigkeit kommt daher an Waldorfschulen ebenso große Bedeutung zu wie kognitiven Leistungen. Individuelle Entwicklung und Persönlichkeitsbildung kann sich nur in Gemeinschaft ereignen. Persönliche Beziehungen innerhalb der möglichst über viele Jahre stabilen Klassengemeinschaft sind daher aus waldorfpädagogischer Sicht von hoher pädagogischer Bedeutung, ebenso wie von Vertrauen und Wertschätzung geprägte Beziehungen zwischen SchülerInnen und LehrerInnen. Waldorfschulen verzichten auf Instrumente wie Notengebung und „Sitzenbleiben“. Lernen soll aus Interesse und persönlichem Engagement erfolgen, Leistung nicht durch Druck und Vorgaben, sondern durch individuelles Erleben, Handeln und in Freude erfolgen. Ein Großteil der Fächer wird an Waldorfschulen in sogenannten Epochen unterrichtet. Über mehrere Wochen wird dabei täglich an einem Thema gearbeitet und so eine intensive und fokussierte Auseinandersetzung mit einem Unterrichtsgebiet ermöglicht. Gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung und Virtualisierung setzen Waldorfschulen dabei bewusst auf die pädagogischer Kraft realer Erlebnisse, echter Primärerfahrungen.

Vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden international zahlreiche Forschungs- und Publikationsprojekte zur Waldorfpädagogik. Waldorfschulen gehören daher inzwischen zu den bestbeforschten Schulen aus dem Bereich der Reformpädagogik.

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